susanne meissner keramik magazin


galerie ansichten

startseite

keramik

zeichnungen

fotosarbeiten

diashow

texte/haiku

kurse keramik

über mich

atelier lübeck

stipendium 2006-09

kontakt

presse

links

sitemap

glossar

Keramik Magazin Europa, Ceramics Magazine Europe,30. Jahrgang Nr. 2/2008 April/Mai

Alles läuft gut!

Aus dem Leben einer Stadttöpferin - vom Anfang bis hierher

Hintergrund Susanne Meissner

Mein kleiner Neffe meint, ich soll hier niemanden gleich zu Beginn mit knallharten Fakten abschrecken. Darum eines vorweg: Im Folgenden handelt es sich um ausgewählte Ereignisse aus dem Tagebuch einer Stadttöpferin

2006 mitten im Abschluß meines Studiums als Meisterschülerin bei Prof. Fritz Vehring an der Hochschule für Künste in Bremen: Mir fällt ein kleiner Katalog in die Hände: "10 Jahre Stadttöpferei Neumünster - Stipendium", lese ich. Kurz entschlossen bewerbe ich mich. Es handelt sich um ein zweijähriges Aufenthaltstipendium der Dr. Hans Hoch-Stiftung mit dem Ziel, den Sprung von der Kunsthochschule in die "weite wilde Welt" zu erleichtern und zu begleiten - ein Schutzraum zum Experimentieren mit Netz und doppeltem Boden. Das Konzept dieses Stipendiums entwickelte Johannes Gebhardt, ehemals Professor an der Muthesius-Hochschule Kiel, und Dr. M. Sadek (Leiter des Kulturamtes Neumünster) im Auftrag der Dr. Hans Hoch-Stiftung. Seit Februar 2007 ist auch die Sparkassenstiftung Südholstein ein großzügiger Förderer der so entstandenen Stadttöpferei.

August 2006: Tatsächlich flattert mir die Zusage ins Haus. Ich werde also den Titel "Stadttöpferin" tragen, für zwei Jahre, ähnlich einem Wanderpokal. Neumünster. Nie zuvor war ich dort gewesen. Erst ein Blick auf die Karte gibt mir Aufschluss darüber, in welche Ecke Deutschlands es mich verschlagen wird. Mich packt die Reiselust. Für alle, die es ganz genau wissen wollen: Neumünster liegt zwischen Hamburg und Kiel in Schleswig-Holstein, dem Land zwischen Nord- und Ostsee. Mit seinen ca. 80 000 Einwohner/innen eine Stadt, in der früher die Tuchindustrie beheimatet war. (Woran heute, wie ich finde, jedoch nur noch wenig erinnert.) Die Stadttöpferei, das ist eine Werkstatt, Galerie und Wohnung im sogenannten Fürsthof und befindet sich zentral in einer der Fußgängerzonen Neumünsters. Ich bin begeistert und sage zu.

Oktober 2006: Jetzt bin ich Stadttöpferin und in meinem neuen Zuhause. Dank großer Unterstützung vieler Freunde. ist der Umzug geschafft. Ruckzuck beginne ich, mich in meiner neuen Werkstatt auszubreiten und meine Werkzeuge zu verteilen. Das hilft, mich in kürzester Zeit einzuleben und mich zu Hause zu fühlen. In der Kieler Zeitung und im Holsteinischen Courier bin ich bereits als die neue Stadttöpferin angekündigt: Und so dauert es nicht lange, bis sich neugieriger Besuch in meinen Räumen einfindet, um mich willkommen zu heißen. Irgendwie komisch: Viele fremde Gesichter begrüßen mich, sie wissen, wer ich bin. Aber wer sind bloß die vielen Fremden? Ich mache einfach mit, und so dauert es nicht lange, bis ich die ersten Bekanntschaften schließe.

Dezember 2006: Jetzt wird es ernst und das Wetter wird uselig. Schluß mit dem Erforschen von Land und Leuten. Schließlich gilt es, meine Ausstellungseröffnung zu organisieren und mich offiziell als die Neue Stadttöpferin zu präsentieren. Was für eine Aufgabe! Einladungskarten müssen kreiert, gedruckt, adressiert und natürlich möglichst günstig versendet werden. Die Ausstellung will aufgebaut, Catering geplant, Pressekonferenzen anberaumt, Reden vorbereitet werden ... wo nur bekomme ich jetzt kurzfristig noch Weingläser her? ... Plötzlich bin ich in einer Welt, in der ich mein gesamtes Potenzial unter Beweis stellen kann, und so finde ich mich plötzlich inmitten von 60 Gästen und in meiner ersten eigenen Ausstellung. Ich kenne nur wenige, mit Ausnahme der Nachbar/innen, der Presse und meiner treuen Freunde/Freundinnen, die extra angereist sind, um mich durch ihre Anwesenheit und nicht zuletzt durch ihre Tatkraft zu unterstützen.

In der "Galerie im Fürsthof" präsentiere ich meine Diplomarbeit und die Arbeiten aus meiner Meisterschülerzeit, mit denen ich mich auch für dieses Stipendium beworben hatte. Alles läuft gut! Die Resonanz meiner Gäste ist durchweg positiv.

Weihnachten 2006: Kommt und geht. Ich erfreue mich an den Hyazinthen, die es in Töpfen zu kaufen gibt und die auf ganz spezielle Art durft, wachsen und blühen. Sie verändern sich jeden Tag aufs Neue. Ein Thema für mich? Ja, ich denke schon, denn mein Leben hier unterscheidet sich doch massiv von meinem bisherigen als Kunststudentin. Irgendwie fehlen mir die vielen Gelegenheiten, mich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Aber es bleiben ja das Telefon und meine Bereitschaft, wie die Hyazinthe zu wachsen.

2007, irgendwann anch Weihnachten: Meldet sich Barbara Nierhaus von Kulturbüro und erkundigt sich, ob ich auch Pokale herstellen würde. Sie klärt mich auf: Es wird ein Jazz-Nachwuchspreis vergeben und dafür wünscht man sich so etwas wie einen Oskar - Warum nicht? Dieses Projekt macht bestimmt Spaß, denke ich mir. Oskar, Bambie ... hm, also etwas Figürliches mit Logo und Jahreszahl. Die besten Ideen kommen mir bei der Arbeit. Also fange ich einfach mal an. Ich überlege .... Das ist hier Schleswig-Holstein? Na klar, der Fisch! - Juchhu, genau das ist`s! Ein Fisch mit einem Fischfass. Jetzt bin ich auf der Suche nach dem passenden Fisch, es gibt nur eine Lösung: Ein echtger Fisch muss her! Schließlich überzeugt mich eine Dorade. Ein eher kompakter Fisch, der Ähnlichkeiten mit Piranhas hat. So finde ich weingsens. Jazz ist ja auch nicht unbedingt lieb und süß, und so ist die Sache beschlossen. Die Dorade abzugießen und eine zweiteilige Gipsform daraus zu machen, ist ein Leichtes. Mittlerweise ist die Töpferei, was den Geruch angeht, mit einer Fischhalle kauf mehr zu unterscheiden. Doch schließlich findet die (keramische) Dorade ihren Platz auf einem (aus Ton modelierten) Fass. Die Preisträger/innen sind begeistert!

März 2007: Eine der mit den Stipendium verbundenen Auflagen ist es, die Galerie im Fürsthof "lebendig" zu halten. d. h. Ausstellungen anderer Keramiker/innen zu organisieren und zu präsentieren. Jetzt auch noch Galeristin?! Wie fühlt sich das an? Plötzlich repräsentieren, Gastgeberin sein? Für mich ist es eine neue, sehr spannende Aufgabe. Und so schlüpfe ich lustig, unschuldig, ahnungslos in diese Rolle ... Wie reagiert wohl das interessiete Publikum auf Arbeiten meiner langjährigen Freundin Anna Franziska Kessler aus Hamburg? Sie wird meine erste eingeladene Künstlerin sein, deren Arbeiten mit Material und Sehgewohnheiten spielen und die Erwartungen der Besucher/innen gründlich auf den Kopf stellen. Nur eines dazu: Franziska mischt Neumünster gewaltig auf!

Mai 2007: Das Publikum reagiert schon gelassener. In diesem Monat stelle ich meine Räumlichkeiten Katharina Hagemann aus Eickum zur Vergügung. Ihre keramischen Arbeiten erscheinen sehr reduziert und leise in Zeichen und Farbgebung. sind jedoch in Sprache und Formgebung konsequent und stark.

August 2007: Ein weiteres Galerieexperiment. Ich präsentiere eine reine Fotoausstellung mit Inge Heuwold. Schwarzweißfotos von Fabrikruinen in Neumünster, kobiniert mit europäischer, moderner Architektur. Hier kann ich eine für mich neue Publikumsschicht ansprechne, die ihre Heimatstadt durch die Brille Inge Heuwolds zu sehen bekommt. Menschen, die noch nie im Fürsthof waren, zeigen sich erstaunt. Eine Fotoausstllung gab es wohl noch nie in der Räumen der Stiftung.

September 2007: Ein doppeltes Jubiläum - 20 Jahre Stadttöpferei und 10 Jahre "Kunstflecken", eine Neumünsterer Veranstaltungsreihe. Da die Sparkassenstiftung ein Sponsor der Keramik wurde, möchte man, dass das 20-jährige Jubiläum in ihren Räumen ausgerichtet wird. Selbstverständlich gibt es auch eine Ausstellung in der Galerie in Fürsthof. Doch neun ehemalige Stadttöpfer/innen unter einen Hut zu bekommen, das hatte ich mir leichter vorgestllt. Das Kulturbüro unterstützt mich auch diesmal kräftig mit Rat und Tat, wofür ich sehr dankbar bin.

2007 Dezember: Für die Ausstellung "Veränderung" die am 1. Advent 2007 eröffnet, beginne ich mit der Idee der Torten zu experimentieren. Ich zeige eine Festtafel. Im Mittelpunkt der Ausstellung steht eine Tortentafel im typisch barocken Stil, üppig, festlich, bis sich der Tisch zu biegen scheit. - Wird hier eine Geburtstagsparty gefeiert? - Auf den zweiten Blick ergeben sich Merkwürdigkeiten, Brüche. - Was ist mit diesen Torten los? Wann war dieses Fest oder soll es erst noch stattfinden? - Es ist ein Spiel mit dem Sein und dem Schein. Die Betrachtenden sind aufgefordert, genau hinzusehen und zu entdecken. Erst bei genauer Betrachtung erschließt sich die Welt der Vergänglichkeit und der Veränderung - Alles nur eine Illusion?

Januar 2008: Ich erlebe den zweiten Januer in Schleswig-Holstein und habe jetzt Zeit, das Meer in meinen Fokus zu nehmen. Gestern habe ich ein wunderschönes Stück Ostsee, das Schwedeneck, entdeckt. - Im Juni wird Kirsten Brünjes aus Bremen ihre Arbeiten "bei mir" präsentieren.... .Und dann wird voraussichtlich im August 2009 mein Aufenthalt in Neumünster zu Ende sein. Wie es weiter gehen soll, ist noch nicht gewiss, aber es ist ja auch noch etwas Zeit.

Ich nutze diese Plattform nun noch dazu, um der großen, weiten Welt zu verkünden, dass ich schon ein bisschen - ach was: richtig stolz darauf bin, für eine Zeit lang einen Teil zum Kulturleben Neumünsters beitragen zu können! Und wie bereits an anderer Stelle erwähnt: Der Stadttöpfer ist ein "Wanderpokal". Neumünster wartet gespannt auf eure Bewerbung!

© 2003 susanne meissner keramik seit nov. 2006 in neumünster stadttöpferei und "galerie im fürsthof" ein stipendium der Dr. Hans Hochstiftung